Geht ein Kind beim Arzt Teil 2

Der geneigte Butterflyfish Leser erinnert sich vielleicht an meinen ersten Text…. in dem ich mich minimal über die Kinderarztsituation ausgelassen habe. Das lässt sich steigern. Die Geschichte passierte letztes Jahr im November, ich konnte mich bisher noch nicht entscheiden, sie online zu stellen…

Neulich hat es sich dann wieder angekündigt: Das große Kind wird krank. Frei hatte sie wegen Studientag der Lehrer sowieso, seltsam war nur, dass mir das Kind am Vormittag auf einmal auf dem Sofa wegpennt. Und mit 39,2 Grad Fieber wieder aufwacht. Müde. Ausgelaugt. Oy.

Gut. Fieber ist ja kein Problem, das kriegen wir auch so in den Griff. Und morgen ist ja Wochenende. Da arbeite ich auch nicht mehr, seit ich beschlossen habe das selbst und ständig für mich selbst auf die Woche zu begrenzen – wenn möglich.

Samstag kommen zum Fieber noch Halsschmerzen dazu. Und Schluckbeschwerden. Sonntag immer noch 38,7 Fieber. Und eine irrsinnig geschwollene und weiße Mandel. Angina oder was!? Hier wird langsam klar, dass aus dem „Dreitagefieber“ womöglich doch ein größeres Problem wird, in das ich den Vater einbeziehen muss. Denn morgen ist eigentlich Wechseltag, der Mann ist aber neuerdings fest angestellt und kann nicht einfach so entscheiden, was er so mit seiner Arbeitszeit macht.

Die Politik hat ja für uns Eltern im wunderbaren SGB entschieden, dass Kinder ab dem 12. Lebensjahr sehr wohl in der Lage sind, den Tag krank alleine zu Hause zu verbringen. Die Madame ist fast 13. Heißt also, kein Krank auf Kind, sondern: Urlaub nehmen oder Überstunden abbauen. Ist davon gerade nichts da heißt es: unbezahlt zu Hause bleiben – oder…naja, in vielen Familien schätze ich, gibt es die Option unbezahlt zuhause zu bleiben schlicht nicht. Geiler Scheiß.
Fürs Protokoll: Festangestellte haben normalerweise die Möglichkeit 10 Tage „krank auf Kind“ machen zu können (also 10 pro Elternteil, 20 für Alleinerziehende). Das ist jetzt stark vereinfacht, ausführlicher steht es z.B. an dieser Stelle.

Hallo Montag! Das Kind ist krank

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Wir starten mit 38,6 in den Montag. Tag vier mit Fieber, Tag drei mit Mandelentzündung. Es gibt verschiedene Arten: viral und bakteriell. Ich bin kein Arzt und weiß nicht, ob Streptokokken auch schon mitspielen. Ohne Behandlung mit Antibiotika drohen hier nämlich Folgeerkrankungen, besonders am Herzen, an den Muskeln und Gelenken sowie an den Nieren. Mein Kind hat derweil ganz andere Probleme: Sie verpasst Mathe! Sie kommt nie wieder hinterher!

Meine erste Amtshandlung an diesem Tag: ich versuche einen Termin bei meinem total überfüllten Kinderarzt zu kriegen. Die Praxis hat neben Öffnungszeiten von 8.30 bis 19 Uhr (!) inzwischen immer wieder Springer mit am Start, um dem Ansturm überhaupt in irgendeiner Weise gerecht zu werden (so wartet man statt 4 Stunden (mit und ohne Termin!) im besten Fall etwas weniger und hat am Ende einen Arzt in der Ausbildung – die sind aber trotzdem gut und immer freundlich, obwohl sie nicht mal Zeit zum Mittagessen haben!).

Also los: Die Praxis öffnet um 8.30.
Auch die Möglichkeit, in dieser Praxis online Termine zu machen beginnt um 8.30.
Um 8.32 heißt es in der App: Es können erst wieder ab 9 Uhr Termine online angenommen werden.
9.06 – Platz 29 ! Ja! Den möchte ich! Buchen. Ich klicke. Geht nicht. Ich klicke mehrfach. Es passiert nichts. Ich lade die Seite neu: Platz 53. Wartezeit: irgendwas mit 650 Minuten. What? Für die, die auch zu faul sind: das sind mehr als 11 Stunden.
Nach 20 Minuten wird mein Onlinetermin storniert. In der Arztpraxis geht niemand ans Telefon. Dann ist besetzt. Dann geht wieder keiner ran. Ich rufe 10 andere Praxen in Köpenick und Friedrichshagen an (vielleicht spare ich mir so die 30 Minuten Fahrt (einfach) nach Friedrichshain) – entweder ist besetzt, es geht keiner ran oder ich werde auf Akutsprechstunden am nächsten und übernächsten (!) Tag verwiesen.
Also packe ich das Kind ins Auto und fahre mit ihr zu unserem Kinderarzt. Nach Friedrichshain. Dort angekommen erklärt man mir: Wir nehmen seit 30 Minuten keine Patienten mehr an. Keine Chance. Ich könne morgen wieder kommen oder halt in die Rettungsstelle fahren.

Einmal Rettungsstelle ohne Fenster bitte.

Das Kind ist inzwischen schon wieder ziemlich müde. Wir fahren in die Kinderrettungsstelle nach Friedrichshain. Ich sage: ich bin nicht gerne hier, aber wir kommen sonst nirgends unter. Und wenn sie ansteckend ist: wir haben da noch ein Kleinkind zu Hause! Braucht keiner!
Kein Problem, willkommen, wir machen gleich mal einen Streptokokkentest, dann dauert es nachher nicht so lang.
Den Test werden wir vier Stunden später noch einmal machen, weil irgendwer nicht aufgeschrieben hat, dass auch der erste Test negativ ausgefallen ist.

Wir sitzen im Untergeschoss. Es gibt keine Fenster und es gibt kein Internet. Zu lesen gibt es auch nichts. Eigentlich gibt es nur besorgte Eltern und kranke Kinder. Ein Elternpaar hat ein etwa einjähriges Kind dabei. Sie waren schon vor uns da und im Behandlungsraum als wir kamen. Als wir nach etwas mehr als vier Stunden wieder gehen durften, war das Kind mit der Mutter immer noch da.

Das Ende vom Lied: Das Kind hat keine Streptokokken. Antibiotika gab es trotzdem, weil der Arzt Angst hatte, dass sich der Gaumen auch noch entzündet und sie dann eventuell operiert werden müsse. Das Kind hörte nur: zwei Tage, gucken, Operation.

Und das war’s. Vier Stunden warten, zwei Minuten beim Arzt. Auf Wiedersehen (och nö. Lieber nicht). Aber: Eine Rettungsstelle darf keine Krankschreibung ausstellen. Die braucht das Kind für die Schule (ja! Wirklich!) und ja eigentlich der fest angestellte Vater für den Arbeitgeber, wenn er krank auf Kind….ach halt, das Kind ist ja schon 13…sie kann ja alleine auf dem Sofa vor sich hinvegetieren, sich dann irgendwann ein gesundes Mittagessen kochen und darauf achten, dass sie genug trinkt und ihre Medikamente…ach, ich versuche einfach mal nicht in die Fäkalsprache abzurutschen.

Das Kind schluckt jetzt erstmal Antibiotika bis zum St. Nimmerleinstag (natürlich nur bis die Flasche leer ist), hat einen Haufen Mathe nachzuholen, aber immerhin: Das Fieber ist wieder runter und die kleine Rakete hat sich auch nicht angesteckt! Zum Glück, aber das ist eine andere Geschichte.

Danke, dass ihr es Eltern so leicht macht!

Aber ich sag mal so, auch wenn ich finanziell nach einem Jahr Elternzeit jetzt nicht unbedingt Friede, Freude, Eierkuchen auf dem Konto habe, bin ich froh, dass ich mir so einen MIST sparen kann und zuhause bleiben kann, wenn eines meiner Kinder krank ist.

Die Politik und vor allem viele Arbeitgeber machen es Eltern (noch) nicht immer ganz einfach. Zum einen sind meistens beide Eltern darauf angewiesen Vollzeit zu arbeiten. In vielen Firmen herrscht immer noch diese alberne Anwesenheitspflicht von 9 to 5 – obwohl es viele Dinge gäbe, die sich auch aus dem Homeoffice erledigen ließen. Und wer nicht stramm steht, der leistet ja quasi nichts. Viele sind also ständig der Angst ausgesetzt, ihre Stelle zu verlieren, sei es, weil sie Eltern sind oder schlicht, weil sich gerade in der Firma wieder was ändert (Audi: -9500 Stellen, Daimler: -1100 Stellen, Springer: noch unklar, um nur einige Beispiele zu nennen)

Selbst wenn man sich bewusst dafür entscheidet, Eltern zu werden, mit all diesen Dingen wie „ich weiß, die werden mal krank und ich weiß auch, die kommen mal in die Schule und dann wird der Urlaub teuer….und….“ gibt es so viele Barrieren, die man irgendwie überwinden muss – obwohl es uns durchaus gut geht. Und das startet schon in der Kita (wenn man denn eine hat!). Die Kinder landen krank in der Kita, weil die Eltern nicht zuhause bleiben können oder wollen, stecken alle an, im schlechtesten Fall auch die Erzieher und schon steht die Kita Kopf. Weil kein Personal heißt auch: keine Betreuung. Keine Betreuung heißt: betreu dein Kind selbst. (Schöner Text zum Thema:

Kinder werden halt mal krank

Die Kinderarztsituation in Berlin ist …prekär! Ob die Verteilung beschissen oder der Ärztemangel hoch ist, kann ich nicht sagen – dazu stecke ich nicht tief genug im Thema. Ich möchte mir nur – ehrlich gesagt – darum keine Gedanken machen müssen. Ich möchte einfach zum Arzt gehen können, wenn etwas akutes anfällt und kein halbes Jahr auf einen Termin warten müssen. Wir sind jetzt jedenfalls wieder gesund und nun ja, der Brief von der Krankenkasse, dass das große Kind jetzt bald zu irgendeiner Untersuchung für Jugendliche muss, ist auch schon da. Hurra.

Und so schwer ist es für Arbeitgeber eigentlich auch nicht, familienfreundlich zu sein. Eine Inspirationsquelle für Arbeitgeber ist ja vielleicht der Unternehmensmonitor

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