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i-Pad statt Pampers

Selbständig ist oftmals die Lösung für Frauen mit Kind. Wie bei mir! Ich kann meine Zeit selbst einteilen und dann eben auch mal nachts arbeiten oder früh um fünf. Ich bin nicht auf Kollegen angewiesen, muss nicht einspringen, wenn mal jemand krank ist, nein, ich werde sogar schon gar nicht mehr so richtig krank. Aber was, wenn Mütter in ihrem Job festhängen, der nicht passt oder die schlicht nach dem Wiedereinstieg weder ihre alte Stelle noch ihr altes Glück wiederfinden? Gründe gibt es viele. Die Journalistin Katrin Wilkens über ihre Firmengründung i-do, die kleinen und großen Pannen beim Wiedereinstieg in ihren Job – und das GSG mit kleinen Kindern.

Ich weiß noch genau, wann es angefangen hat, dieses GSG, das Große-Scheiß-Gefühl, das in einem hochsteigt, obwohl man die tollsten Racker der Welt hat, jaja, ich weiß, wahre Sonnenscheinchen. Hipphipp-Hurra. Eigentlich müsste die Welt voller Rolf Zukowskis hängen. Bei mir kam das GSG an einem Dienstag. Ich hatte nach sechs Jahren Schwangerstillenschwangerstillenschwangerstillen wieder einen Auftrag. EINEN AUFTRAG!! Einen, für den man Koffer packen muss und busy zum Flughafen eilt. Endlich mal wieder I-Pad statt Pampers und all die jungen Business-Wichtigtuer mitleidig anlächeln.

Selbstverständlich kriege ich Beruf und Familie unter einen Hut. Und muss dazu nicht mal mit einem überalterten Piraten-Wähler verheiratet sein, der Hirsebrei kocht und Sartre liest. Mein Mann schaukelt die Kinder natürlich mit Links, backt Kekse und bastelt mit ihnen Willkommens-Schilder. So sah das in meiner Fantasie aus. Die Realität war anders. Drei Monate vor dem Termin begann ich, meinen Mann zu impfen, dass er sich an diesem Tag frei nimmt. Ich hielt Kontakt mit meinem Interviewpartner und der Redaktion. Organisierte einen Babysitter. Und einen Ersatzbabysitter, falls der erste krank wird. Kaufte ein, kochte vor, besorgte Mitbringsel im Voraus, machte einen Friseurtermin, buchte ein Hotel, organisierte die Reise. Ich hatte schon Tage vor dem eigentlichen Termin Honorar und Kräfte verpulvert.

Dann kam der große Tag. Ich stand aufgeregt am Bahnsteig – und mein Interviewpartner sagte ab. Einfach so. Ohne Begründung. Beziehungsweise mit einer, die so lächerlich war, dass sie die Luft nicht wert war, die ich brauchte, um davon meinem Mann – heulend – am Telefon zu berichten. Der versuchte ehemannesk zu trösten: „Aber schau mal, da hast du jetzt schön einen Tag mal ganz für dich. Ich bin imemr froh, wenn ein Patient absagt.“ Dieses Gefühl, allein zwischen seinen Kindern zu sitzen, laut zu heulen und sich sofort in sein altes Leben zurückzuträumen, nenne ich seitdem GSG. Großes Scheiß-Gefühl. Weil kaum einer, der arbeitet, es versteht. Weil kaum einer, der auf Kinder wartet, es versteht. Weil es so banal ist. Weil es so viele haben.
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Ich will keinen Tag für mich. Ich will arbeiten. Meine alte Identität wiederhaben. Ich bin nicht nur Legoaufsammlerin und Bibi-Blocksberg-Kasetten-Umdreherin, ich bin auch Journalistin.

An diesem Tag haben Miriam, eine Kollegin, die die letzten drei Jahre in Shanghai gelebt hat, und ich i-do gegründet. Wie bitte, was? I-do? I-do kommt aus dem Japanischen und bedeutet Reise und Veränderung. Die größte Veränderung einer Frau beginnt üblicherweise mit den Presswehen: rein ins Mutterglück, raus aus dem Job. Wir gründeten eine Firma, die sich darauf spezialisiert, junge Mütter nach der Babypause zu beraten. Mütter, die wieder arbeiten wollen, aber nicht in ihren alten Job zurück können. Weil der Chef keine Halbtagsmuttis mag, weil die Geschäftsreisen mit Kita-Öffnungszeiten schwer kompatibel sind, weil sich mit Kind der Horizont erweitert und irgendwie auch verändert hat, weil der Job irgendwie nicht mehr zu einem passt. Oder weil man feststellt, dass man ohnehin schon immer eigentlich etwas ganz anderes machen wollte.

Umfragen zufolge sind 70 Prozent aller Deutschen im falschen Job. Haben Jura studiert, weil Papi das so wollte oder „irgendwas mit Medien“ gelernt, weil das in der Achtzigern gerade schick war. Den Satz „Ich würde so gern was ganz Anderes machen … aber ich weiß nicht was … was kann ich überhaupt?“ haben wir beide unzählige Male im Bekannten- und Freundeskreis gehört, und gewissermaßen wurde er zum Startpunkt unserer Geschäftsidee. Wir sind nämlich der festen Überzeugung, dass jeder etwas Besonderes kann, ein besonderes Talent hat. Jeder ist für einen bestimmten Beruf geschaffen. Welcher das ist, lässt sich herausfinden. Und zwar an einem Tag. Wie das geht? Ganz einfach: mit Fragen, verdichten, Dinge (den Menschen im Kern erfassen), weiterspinnen. Kurz: mit unserem besonderen Talent, das uns beide seit 15 Jahren Journalismus begleitet. Wir wissen, was gute und was schlechte Fragen sind, um zu verborgenen Talenten vorzudringen. (Die zwei blödesten Fragen sind: Was sind Ihre Stärken und Schwächen? Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?) Am Ende eines Beratungstags in unserer Agentur i-do präsentieren wir unseren Kundinnen eine klare Empfehlung, unsere Idee. Komprimiert, messbar, praktikabel. Wir haben beide zusammen fünf Kinder. Wir wissen, welche Bedürfnisse junge Mütter haben. Eine gute Idee ist nicht die, die uns gefällt, sondern die, die unseren Kundinnen gefällt – und ins Familienleben passt. Sonst droht akuter GSG-Alarm.

Ich erinnere mich noch an unsere erste Kundin, die zu uns kam und beschreibe sie Ihnen, wie ich sie an diesem Tag wahrgenommen habe. Nennen wir sie Klara, weil uns mit ihr vieles klarer wurde: Klara war lässig und trotzdem bewusst gekleidet, Marc O`Polo aber mit einer gebundenen, schüchternen Körpersprache. 39 Jahre alt, BWL-erin, Teilzeit-Projektleiterin in einem mittelständischen Betrieb, seit 20 Jahren liiert, zwei Kinder, 3 und 1, eher ruhiger, überfürsorglicher Typ, (kocht Babynahrung selbst, ist jeden Nachmittag mit im Kinderzimmer, damit sie die „Kinder aufwachsen sieht und damit nichts passiert“). Zeitweise Überforderungsanwallungen. Ihre Freizeit besteht aus GNTM-gucken. („Das ist alles so schön weit weg von mir“), Super-Nanny und sporadischen Sportkursen. Ihr Lebensbild ist ängstlich, aber religiös. Ferien macht sie gern auf überschaubaren Plätzen: Astrid-Lindgren-Idyll. Loslassen fällt ihr schwer, deswegen will sie auf keinen Fall aufhören zu arbeiten. Aber andererseits wünscht sie sich auch deutlich mehr Überschaubarkeit. „Soll ich vielleicht doch aufhören zu arbeiten?“ Ihr heimlicher Wunsch: sich einmal im Leben großartig finden, nicht artig. Schon nach dem Mittagessen wurde uns klar: Nicht Klaras Beruf war schief, sondern die Unternehmensform. Alles, was mit BWL, mit Zahlen, Fakten und der Möglichkeit, sich auf Projekte vorbereiten zu können, zu tun hatte, gefiel ihr, weil es Sicherheit versprach. Nur die Größe des Betriebes wurde bei ihr zu einem Unsicherheitsfaktor. Sie fühlt sich wohl, wenn sie ein wenig Bullerbü auch im Job hat. Bullerbü bedeutet: eine überschaubare Zahl von Kollegen, eine überschaubare Zahl von Projekten, keine Stoßzeitenjobs, wegen der Kinder.

Sie arbeitet heute bei einem kirchlichen Träger, operiert mit größeren Zahlen als früher, die aber familiärer eingebunden sind. Alle im Team haben Kinder. Moden spielen keine große Rolle. Sie singt wieder im Chor.

Klara lehrte uns eines, was ganz wichtig war für die Geschäftsidee von i-do: Es geht nicht immer darum, einen großartig, neuen originellen Job zu finden. Manchmal sind es kleine Stellschrauben, die feinjustiert werden müssen. Und das, was auf den ersten Blick hemmend für einen beruflichen Weg schien, war in Wirklichkeit ihr großes Plus, ihre Ängstlichkeit, ihre dezente Art, ihre Fürsorge und letztlich auch ihre Unentschiedenheit (oder soll man sagen: ihre Art zu durchdringen?) machte sie für den Träger einer kirchlichen Einrichtung „naturgeeignet“. Klara hat uns beigebracht, dass Schwächen für das Finden einer Gabe keine Rolle spielen, sondern ausschließlich die Stärken einen weiterbringen. Es ist kein amerikanisches „Hey, du bist der Größte“-Gejaule, sondern zutiefst die Einsicht, dass jeder Mensch einen Berg voll ungenutzter Gaben in sich trägt, der nur freigelegt werden muss und dann bestiegen werden kann. Nennt man einen Langweilig – oder stetig? Ist jemand flatterhaft oder begeisterungsfähig? Ist jemand sozial reduziert – oder kommt er gut mit sich selbst zurecht?

So ist aus unserem ganz privaten GSG ein SSS geworden – ein schnuckeliges Sahnestückchen!
Kathrin Wilkens hat zusammen mit Miriam Collée die Hamburger Agentur i-do gegründet. Dort werden Frauen beraten, die sich beruflich verändern wollen.
Zur Agentur i-do geht es nach dem Klick

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Katrin Wilkens

Katrin Wilkens

Kombiniert, bringt Dinge auf den Punkt, entdeckt Besonderheiten. Zähmung und Bändigung von drei renitenten, liebenswürdigen Honigschnuten sowie einem Ehemann, meist ohne Honig.

2 comments

  1. Wow, mit dem Artikel habt Ihr sicher vielen aus der Seele gesprochen. Mir auf jeden Fall, das GSG kenne ich auch. Schaue jetzt mal bei i-do vorbei. Liebe Grüße, Ines

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