Ich bin in Erfurt geboren. Einen Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich allerdings mehr unfreiwillig auf dem Land, in Sachsen-Anhalt. Mit elf Jahren war das noch ok, mit 13 dann schon nicht mehr so. Ich fand das doof, ich wollt’ da weg, ich war – in meinen Augen – erledigt. Mit 14 wurde mir alsbald klar, ich muss hier raus, ich will in die große Stadt! Also zog ich, kaum volljährig, schnurstracks nach Berlin. Hier versprach ich mir das große Glück, Seelenfrieden, hier war was los, hier wollt’ ich hin. Alles schön, alles gut, alles tutti paletti.

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Jetzt habe ich Arthur. Einen echten Berliner. Ein Großstadtkind. Das wollte ich immer, das war mein Traum, ein Kind in dessen Pass mal stehen kann: Geburtsort Berlin. Das klang irgendwie verheißungsvoll – damals, als ich diese Szenerie in meinem Teenie-Kopf durchspielte. Ich hörte die Ahs und die Ohs, die kommen würden, würde meine Sohn bei Zeiten gefragt wo er denn geboren worden wäre. Ein Stadtkind sein, ja das war fein. Tja. Nun ist Arthur 4 und hat die große Stadt satt. Ich will in die kleine Stadt, denn die große Hundekackestadt hab ich satt. So die regelmäßig und in immer kürzeren Abständen erklingenden wehmütigen (Nörgel-)Gesänge. Ihm reicht’s. Er will nen Garten, denn er liebt es zu gärtnern, er will in den Wald, statt auf den Grünstreifen, selbst am geschlossenen Bahnübergang zwischen den Dörfern (ich mit den Fingern ungedulig auf dem Lenkrad klimpernd) sagt mein Sohn: „Hör mal Mama, diese Stille.“ Ich setze an, um irgendwas zu sagen, doch was ich sagen will verpufft einfach gegen dieses Wonnegefühl des kleinen Mannes auf dem Rücksitz. Es stimmt, man kann Stille hören. Und man kann Glück riechen.

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Hier draußen auf dem Land, wir kehren also regelmäßig in mein Elternhaus zurück, hier kann man sein und die Luft, die Ruhe, das Gras unter den Füßen genießen. Wir hören – Nichts. Minime trollt sich nach draußen, rennt, liegt im Gras, gräbt und buddelt, zählt Strohhalme (die echten auf dem Feld) und lauscht dem Zug, der irgendwo in der Ferne, ganz weit weg, vorbeifährt. Hier entschleunigt sich alles. Die Nacht ist schwarz. Nur ein Hund bellt ab und zu. Das Berliner Grundrauschen ist verschwunden. Und ich kann auf einmal tun und lassen was ich will. Mein Kind klebt statt an meinem, am Rockzipfel der Natur.

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Wie wir fahren immer mehr Familien aufs Land. Immer mehr flüchten aus der Stadt. Einige nur für ein Wochenende oder den Urlaub, andere ziehen ganz raus ins Grüne. Mittlerweile kann ich das irgendwie nachvollziehen. Das was ich früher blöd fand und für mein Kind nicht wollte, wird jetzt richtig und ist gewollt und erbettelt vom kleinen Herrn.

Am Sonntag müssen wir wieder zurück. Aber wir werden die sein, die mit einem wissenden und glückseeligen Lächeln über die Autobahn zurückdüsen. Wir wissen um das Haus von Opa, draußen im Naherholungsgebiet im Osten. Und wir denken über eine Datsche nach, irgendwo in Berlins Peripherie. Einen Ort zum flüchten und draußen sein, zum hinfahren und immer wiederkehren. Ein Sommersonnenwochenendgartenhaus.

Aber wiederkehren wollen wir auch nach Berlin. Denn die große Stadt, die lieben wir auch. Und noch haben wir sie nicht komplett satt.

3 Responses

  1. su

    hallo,
    danke! das war schön zu lesen, denn du sprichst mir aus der seele :)
    freu mich schon mehr von dir zu lesen.
    lg su

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  2. christina

    liebe su,

    vielen lieben dank für deinen so netten kommentar.
    es ist schön zu wissen, dass man jemanden erreicht mit dem was man da so vor sich hin schreibt und denkt!

    viele liebe grüße
    christina

    Reply
  3. Anna

    Das is echt gut… Ich bin in Berlin aufgewachsen… Und auch wenn auf einem recht großen Familiengrundstück mit Hof und Garten (ein ehemaliger Bauernhof)… So hatte ich Berlin trotzdem, spätestens mit dem 3. Kind satt ! Wir sind dann vor 4 Monaten nach Potsdam gezogen… In einen kleinen Ort.. Mit eben Wald und See… Viel Land und grün ! Und ich liebe es … Was noch viel wichtiger ist, die Kinder lieben und genießen es auch ! Shoppen geht hier übrigens genauso gut… Ich hab das ewige Großstadtfeeling einfach nicht mehr ertragen …umso mehr schätze ich die Ruhe, die uns hier gegönnt ist…Ich möchte Berlin ja gar nicht schlecht reden, immerhin sind wir noch regelmäßig dort.. Aber jetzt,wo ich den Vergleich habe…weiß ich einfach was für uns, meine Familie und mich, besser ist ! :-)

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